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Ein Seelzer ,Naturfreund' erinnert sich

Heini Ludewig

(aus einem Redemanuskript zum 60jährigen Bestehen der "Naturfreunde"-Ortsgruppe Seelze 1981)

Ich habe den Verein der Seelzer Naturfreunde im Jahre 1921 mit gegründet und wußte damals überhaupt nicht, wohin der Weg gehen sollte. [H.L. war seinerzeit kaum 15 Jahre alt.] Bin eigentlich nur so hineingestolpert; ich dachte, es ginge um eine Zupfmusikgruppe. Es wurde ja nur gespielt, gesungen, gewandert. Das war erstmal alles. Und wir waren "natürlich" nur Jungens. Eines Tages sagte ein Wanderfreund: Wir müssen Mädels in die Gruppe aufnehmen. Zuerst ein Höllengelächter: Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank, du bist nicht ganz gesund und so fort. Ich sagte oder dachte damals: Die Frage erledigt sich von selbst. In ganz Seelze gibt es kein Mädchen, das mit uns Rabauken eine Wanderung macht. - Schwerer Irrtum, wie sich rausstellen sollte.

Beim ersten Heimabend in der Schule fanden sich etwa zwanzig Mädel ein, die mit uns sangen. Ging ganz gut. Bis einige der Mädel sagten: Wir wollen nicht nur singen oder durch die Landwirtschaft stolpern. Wir wollen tanzen! Gut. Die Turnhalle organisiert und Volkstänze geübt. Da kam ein Jugendfreund aus Hannover, der den Tänzern die ersten Schritte beibrachte.

Übrigens: Die Naturfreundegruppe Hannover half uns viel. Zum Beispiel: Es entwickelten sich Freundschaften in der Gruppe, Liebschaften, kann man sagen. Und wir jungen Schnösels waren oft dümmer als tausend Gänse. Aber da hatte in Berlin ein Arzt, Dr. Max Hodann, ein Buch herausgebracht, das betitelt war "Bub und Mädel" [Untertitel: "Gespräche unter Kameraden über die Geschlechterfrage"]. Hermann Kuhlmey kam aus Hannover und hielt uns einen Vortrag über das Thema. Wir saßen mucksmäuschenstill und gingen hinterher etwas klüger, aber auch etwas beklommen nach Haus. Später dachte ich noch oft daran, daß wir das, was die Kinder heute in der Schule lernen, 1922/23 schon vorweggenommen haben.

Der eigentliche Gründer unserer Gruppe, Fridolin Kreimeier, organisierte für uns einen Sternkunde-Kurs mit dem Seelzer Lehrer Fricke. Auf dem Schulhof betrachteten wir den Sternenhimmel über uns und suchten den Polarstern. Wir lernten einiges über ,Lichtjahre' und das Universum. Ich entsinne mich noch, daß Herr Fricke uns den Nikolaus Kopernikus nahebrachte und auch Galileo Galilei.

Fridolin Kreimeier kam eines Tages in den Heimabend und sagt: Da hat ein Mann eine neue Sprache geschaffen, eine ,Welthilfssprache', heißt Esperanto. Wir waren leicht zu begeistern. Und bald kam einmal die Woche ein Lehrer Hegewald aus Hannover, der ein Lehrbuch geschrieben hatte, und wir paukten Esperanto. Ein halbes Jahr, dann konnten wir schon korrespondieren. Ich begann Briefwechsel mit einem Farmer aus Neuseeland, einem Arbeiter aus Moskau und einem Handwerker aus den USA. Andere erhielten Briefe aus Frankreich, Italien und sogar aus China.
In der Jugend- und Naturfreundebewegung wurde damals viel über Vegetarismus und Abstinenz diskutiert. Ungefähr zehn Seelzer Naturfreunde nahmen sich vor, ein Jahr lang ohne einen Tropfen Alkohol und ohne Nikotin zu leben. Und wir haben es auch geschafft. Vegetarisch leben, das war schon schwieriger. Das ließen meine Eltern nicht zu. Mein Vater hatte mich immer schon kritisch betrachtet, und eines Tages sagte er: Ich glaube, ihr seid eine Horde von Verrückten. Kein Alkohol, kein Tabak, kein Eisbein, und dann noch Esperanto und Sternenkunde. Alles dummes Zeug! - Ja, so sahen das viele damals.

Aber es gab eben auch solche wie den Feuerkopf Albert Heuer, der war Lehrer in Hannover und ein richtiger Feuerkopf. Er hat uns Seelzer Naturfreunden viel gegeben. Von ihm hörten wir zum ersten Mal von Charles Darwin und Ernst Haeckel. Und er sagte uns: Wenn ihr wirklich die Welt verstehen wollt, dann geht zur Volkshochschule nach Hannover. Da lehrt ein Professor Theodor Lessing. Belegt bei ihm mal den Kursus ,Einführung in die Philosophie' oder den über Goethes Faust. Und tatsächlich saßen bald an die fünfzehn Seelzer Naturfreunde in der Volkshochschule Hannover und hörten Professor Lessing gebannt zu. Wenn Albert Heuer uns ein Fenster aufgemacht hatte, dann riß der Professor uns eine ganze Fensterflucht auf.

Zu jener Zeit tauchte bei mir der Gedanke auf, nach Italien zu wandern. Von Venedig bis nach Palermo wollte ich. Ein Redakteur aus Hannover erfuhr davon und sagte, ich sollte ihm Berichte über das Land und die Menschen schicken. Und dann, 1928 war das, begann für mich das große Abenteuer. Venedig, Florenz, Rom, Napoli, Capri, Katania, Palermo. Tausend Erlebnisse, tausend Geschichten. Als ich auf dem Rückweg war, erwischte mich in den Pontinischen Sümpfen die Ruhr oder die Malaria. Eines Abends konnte ich nicht mehr weiter. Drei Tage lag ich allein in einer Höhle, dann schleppte ich mich bis zur nächsten Eisenbahnstation. Fuhr bis nach Rom, Bahnhof Termini. Von da mit meinen letzten Lire mit einem Taxi zum Kolpinghaus in der Via Pettinari. Die Herbergseltern waren gute Christen, sie schleppten mich auf den Dachboden, brachten mir jeden Tag Suppe und kümmerten sich um mich. Sechs Wochen dauerte es, bis ich wieder einigermaßen auf dem Damm war.

Endlich war ich wieder bei Kräften und spazierte über die Tiberbrücke zur Engelsburg. Da wollte es der Zufall, daß ich Wilhelm Steding aus Hannover traf. Der war mit einem Gefährten per Fahrrad unterwegs. Die beiden suchten eine billige Herberge, und ich nahm sie mit zum Kolpinghaus. Wilhelm besorgte mir in den nächsten Tagen ein billiges Fahrrad, und dann brachen wir gemeinsam in Richtung Heimat auf. Sein Kamerad, mit dem er unterwegs gewesen war, blieb noch in Italien. Da ich gerade von meinem Redakteur aus Hannover etwas Honorar bekommen hatte, war die Reise gesichert. Bis Bologna blieben wir zusammen. Von da wollte Wilhelm nach Venedig und weiter nach Prag, ich wollte über den Sankt Gotthard an den Vierwaldstätter See. Aber nicht mit dem Rad. Das habe ich in Como wieder verkauft.

So, damit Schluß. Es führte zu weit, wenn ich alles schildern wollte, was ich damals erlebt habe. Meine Eltern strahlten, als ich gesund wieder in Seelze ankam.

Die meisten Ausflüge der Seelzer Naturfreunde führten natürlich in die nähere Umgebung, Deister und Süntel wurden erwandert. Sonnabends fuhren wir nach Münder, schliefen auf der Güterwagenrampe des Bahnhofs, kochten morgens um fünf Uhr einen strammen Kaffee, und dann ging's über die Bergschmiede zur Eulenflucht und zum Hohenstein. In den tausend Jahren, die nur zwölf Jahre anhielten, blieb die Gruppe trotz offiziellem Verbot zusammen. Man spielte, wanderte, diskutierte über Gott und die Welt. Und 1946 konnten die Seelzer Naturfreunde wieder einen Vorsitzenden wählen .

Ich bin jetzt seit 60 Jahren Naturfreund und kann sagen, es hat sich gelohnt. Die Naturfreunde-Bewegung hat mein ganzes Leben geprägt.

Anmerkung:
Die Naturfreundebewegung ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Teil der Arbeiterbewegung in Österreich, später auch in Deutschland. Der erste "Touristenverein Die Naturfreunde" wurde 1895 in Wien gegründet, der erste deutsche Verein 1905 in München. 1921, im Gründungsjahr des Seelzer Vereins, findet das erste nationale Treffen der deutschen Naturfreunde in Eisenach statt. 1923 gehören den Naturfreundegruppen in Österreich und Deutschland etwa 200.000 Menschen an.