Ortsgeschichte Seelze (Altgemeinde)

Wappen Seelze

Das Gemeindewappen lehnt sich an das einstige Wappen bzw. Siegel des Adelsgeschlechts ,von Seelze' an, welches im 14./15. Jahrhundert mit dem Seelzer Gut belehnt war. Die Ähnlichkeit der Wappen der Familien von Seelze und von Hahnensee auf dem nahen Gut Bettensen (heute Stadt Ronnenberg) läßt verwandtschaftliche Beziehungen vermuten. Um 1480 sind die ,von Seelze' ausgestorben. (Entwurf Gustav Völker 1934)

Ausführliche Informationen zu den Ortswappen der Seelzer Stadtteile

 
 

Die Frage "wie alt ist unser Ort, wann wurde er erstmals erwähnt?" hat immer einen großen Stellenwert, wenn Menschen sich mit Orts- und Heimatgeschichte beschäftigen. In Seelze stießen interessierte Laien auf eine Fußnote im Calenberger Urkundenbuch, worin von einem Gerichtsplatz bei Seelze die Rede ist, wo der Graf von Schwalenberg 1031 Landgericht gehalten haben soll. Unwahrscheinlich klingt das nicht, aber eine entsprechende Urkunde gibt es nicht, hat es vielleicht auch nie gegeben. Gleichwohl wurde 1981 in Seelze das 950jährige Bestehen des Ortes gefeiert. Und warum auch nicht? Denn dass es Seelze um die erste Jahrtausendwende schon gab, wird kaum jemand ernsthaft anzweifeln.

Ein schwieriger Ortsname

Eine gesicherte urkundliche Erwähnung von ,Selessen' im Jahr 1180 findet sich im Westfälischen Urkundenbuch (II, Nr. 412), und schon 1241 wird der Ortsname ,Selse' erstmals ganz ähnlich geschrieben wie heute. Aber die Ortsnamendeuter tun sich schwer mit der "Übersetzung" dieses Namens. Die Verfasser des Ortsnamenbuches für die Region Hannover (Ohainski, Udolph 1998) neigen wegen der Lage an der Leine zur Annahme einer "Wasserwurzel" ,sal-' mit einem angehängten -s-Suffix (das heutige -ze). Ortsnamen mit Suffix-Bildung deuten im allgemeinen auf ein hohes Alter hin.

Schon im Mittelalter eine herausgehobene Position

Vermutlich schon mit dem Aufbau des hiesigen Niederkirchenwesens (etwa im 11. Jahrhundert sollen erste Pfarrbezirke im Archidiakonat Wunstorf entstanden sein) erhielt Seelze eine Zentralfunktion für eine Reihe umliegender Dörfer. Zum Kirchspiel gehörten im späten Mittelalter Almhorst, Döteberg, Gümmer (Kapellengemeinde), Harenberg (Kapellengemeinde), Letter und Lohnde. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein kamen die dortigen Einwohner zum Gottesdienst nach Seelze. Nach allem, was wir über den damaligen Kirchenbau wissen, ist von einer um 1200 erbauten spätromanischen Basilika auszugehen, über einen sicher anzunehmenden Vorgängerbau haben wir keine Informationen. Erstmals urkundlich erwähnt wird ein Seelzer Pfarrer 1248.

Es gibt einige Hinweise darauf, dass Seelze schon früh eine herausgehobene Position gegenüber den umliegenden Siedlungen zukam. Von Bedeutung ist vor allem der ,Go' Seelze, ein hoch- und spätmittelalterlicher Verwaltungsbezirk der sich allmählich etablierenden Territorialherrschaft des Welfenhauses und der Grafen von Roden. Ferner wäre der Nachweis eines Tafelgutes des Bischofs von Minden im 13./14. Jahrhundert zu nennen. Und schließlich gab es offenbar schon im 13. Jahrhundert ein adeliges Gut in Seelze, welches im 14./15. Jahrhundert eine Familie innehatte, die sich nach ihrem Wohnsitz ,von Seelze' nannte und um 1480 erloschen ist.

Die Bevölkerung im 16./17. Jahrhundert

Spätestens 1584 beginnt mit der Gründung der ersten zentralen Schule für alle Dörfer des Kirchspiels die lebhafte Geschichte des Seelzer Schulwesens. Zu jener Zeit bestand das Dorf (nach dem Lagerbuch des Amtes Blumenau von 1600) aus 27 bäuerlichen Hofstellen, dem Pfarrhof und dem adeligen Gut. Knapp die Hälfte der 27 Höfe hatte kein oder zuwenig Land, um von dessen Bewirtschaftung zu leben. Ihre Bewohner werden als Handwerker oder Tagelöhner auf größeren Höfen gearbeitet haben. Von zweien erfahren wir, dass sie als Krüger Branntwein und Bier ausschenkten. Außerdem gab es als Seelzer Besonderheit mindestens vier sogenannte Kirchhöfnerhäuser. Sie waren mit Erlaubnis der Pfarre auf dem Platz um die Kirche herum errichtet worden, der zugleich als Friedhof für das gesamte Kirchspiel diente.

Bis 1689 (Calenberger Kopfsteuerbeschreibung) war die Zahl der Kirchhöfnerhäuser auf acht gestiegen; insgesamt 47 Menschen lebten hier auf engstem Raum.

Die Bebauung des Seelzer Kirchhofs vor dem Großfeuer 1755
Die Bebauung des Seelzer Kirchhofs vor dem Großfeuer 1755

Im übrigen Dorf gab es gegenüber dem Jahr 1600 drei Hofstellen mehr (30). Aus dem Kopfsteuerregister können wir erstmals eine recht genaue Einwohnerzahl ermitteln, sie lag bei rund 290. Außerdem erfahren wir manches über den Broterwerb der Bevölkerung. Neben den mit der Landwirtschaft eng verbundenen Tätigkeiten wie Ölschlägerei, Hüten von Schafen, Kühen, Schweinen gab es spezialisierte Handwerker: Schmiede, Tischler, Rademacher, Schuster, Leineweber und Schneider; Krüger, Kramer und Garnhändler werden genannt, Spielmann, Bader, Bademutter und anderes mehr.

 
 
Das Obentrautdenkmal nach einer Ansichtskarte 1939
Das Obentrautdenkmal nach einer Ansichtskarte 1939

Aus dem 30jährigen Krieg

Ende des 17. Jahrhunderts litten die Dörfer noch immer unter den Folgen des 30jährigen Krieges (1618-1648), in Seelze war 1689 noch mindestens eine Hofstelle verwaist. Der Krieg hatte dem Dorf, neben den immer wiederkehrenden Plünderungen durchziehender Soldateska, ein Gefecht im Herbst 1625 gebracht, bei dem der kaiserlich-katholische General Tilly und der protestantische Generaloberst Obentraut aufeinandertrafen. Der damals recht bekannte Kavallerist Obentraut wurde dabei tödlich verletzt. Der hannoversche Bildhauer Jeremias Sutel errichtete hier 1630 eine Sandsteinpyramide, die bis heute an Obentraut und seinen Tod in Seelze erinnert.

1755: Das Dorf brennt

Im Sommer 1755 vernichtete ein Großbrand das halbe Dorf und die Kirche. Nur einem Zufall verdanken wir den Erhalt von Zeichnungen, welche das Aussehen des Bauwerks wenige Jahre zuvor zeigen. (Ausführliche Darstellung: Der Großbrand in Seelze 1755)

Südansicht der 1755 zerstörten Kirche nach einer Zeichnung von 1746
Südansicht der 1755 zerstörten Kirche nach einer Zeichnung von 1746

Der Kirchhof mit den eng zusammengedrängten Häusern der Kirchhöfner, dem Wohnhaus des Küsters, dem kleinen Schulhaus und dem Pfarrwitwenhaus bot dem Feuer reiche Nahrung; die Hitzeentwicklung war so groß, dass die aus dem Kirchturm gestürzten Glocken schmolzen. Den Kirchhöfnern wurde danach untersagt, ihre Häuser auf dem Kirchhof wieder aufzubauen. Sie mußten andere Hausplätze im Dorf finden.
Dadurch verstärkte sich die Tendenz, die Siedlung nach Südwesten zur Landstraße hin (heute Hannoversche Straße) auszuweiten. Seit dem Mittelalter führte dieser alte Heerweg südlich an Seelze vorbei und verband Hannover mit Wunstorf. Als erstes hatte sich dort eine Kötnerstelle mit einem Krug angesiedelt (heute Alter Krug ' Heft 5 der Seelzer Geschichtsblätter), später folgten einige Häuser am heutigen Kreuzweg.

Seelzer Ortsbild nach der 1. preußischen Landesaufnahme 1896. Vom alten Dorfkern zwischen Kirchhof und Leine hat sich die Siedlung nach Süden erst bis zur Landstraße (Hannoverschen Straße), dann über den Kreuzweg in Richtung Bahnhof ausgedehnt.
Seelzer Ortsbild nach der 1. preußischen Landesaufnahme 1896. Vom alten Dorfkern zwischen Kirchhof und Leine hat sich die Siedlung nach Süden erst bis zur Landstraße (Hannoverschen Straße), dann über den Kreuzweg in Richtung Bahnhof ausgedehnt.

Die Eisenbahn ist Vorbote der Industrialisierung

Die Verlängerung der Bremerstraße (damals Große Rehre) über die Landstraße hinweg in Richtung Almhorst diente bis ins 19. Jahrhundert als Viehtrift zur Seelzer Weide. Als am 15. Oktober 1847 über diese Weide erstmals die Eisenbahn von Hannover nach Wunstorf und Minden fuhr, wurde aus der Viehtrift der Weg zum ,Anhalt' - denn Seelze erhielt damals die einzige Haltestelle zwischen Hannover ,Centralbahnhof' und Wunstorf. Im Laufe der Zeit wurde aus dieser Bahnhofstraße (offizieller Name 1920) eine Art Geschäftsstraße; durch eine 1984 gebaute Umgehungsstraße (Garbsener/Göxer Landstraße) wurde sie zerschnitten und ist heute in ihrem früheren Verlauf kaum noch zu erkennen.

Die Eisenbahn brachte vielfältige Wachstumsimpulse. Sie selbst benötigte - zu einer Zeit, als noch fast alles mit Muskelkraft getan werden mußte - ungeheuer viele Arbeitskräfte, und zugleich verhalf sie in Seelze und seinen Nachbardörfern mittelbar einer Vielzahl von Handwerkern zum Lebensunterhalt. Besonders Schuhmacher und Schneider machten sich nämlich das neue Verkehrsmittel zunutze, um schnell zu ihrer Kundschaft zu gelangen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden schließlich erste kleine Fabriken in Seelze, und um 1900 hielt die große Industrie aus Hannover hier Einzug. Mit der chemischen Fabrik von Eugen de Haën (heute Teil des Honeywell-Konzerns) und einer Fabrik der Continental Gummiwerke (1931 wieder geschlossen) erfuhr das einstige Bauern- und Handwerkerdorf einen grundlegenden Strukturwandel, der noch verstärkt wurde durch den Bau des großen Rangierbahnhofs zwischen Seelze und Letter (1906/09) und den Bau des Mittellandkanals mit einem südlichen Abzweig zum Lindener Hafen (1913/16).

Ein Beispiel für einen Industriebetrieb, welcher unmittelbar der Eisenbahn folgte, ist ab 1921 die Schlackenverwertung Theis auf dem Rangierbahnhof.

Das Dorf platzt aus den Nähten

Die rasante Entwicklung ist u.a. an den Einwohnerzahlen ablesbar: 1890 lebten in Seelze 580 Menschen, 1905 waren es 1.750, bis 1910 wuchs die Bevölkerung auf 2.400 Menschen: Damit hatte sich die Einwohnerzahl in 20 Jahren mehr als vervierfacht. Bis 1925 stieg die Zahl nochmals auf 3.350. Der damit einhergehende Straßen- und Wohnungsbau und eine moderne Infrastruktur (Abwasserkanäle, Kläranlage, Müllabfuhr, große Schule mit Turnhalle, Realschulzweig .) überlagerten bald das einst dörflich-bäuerliche Erscheinungsbild mit städtisch anmutenden Elementen.

Das 1903 erbaute Schulhaus mit südlichem Anbau und Turnhalle (1911). Die Turnhalle wurde 1966 abgerissen, das frühere Schulgebäude ist heute der Altbau des Rathauses
Das 1903 erbaute Schulhaus mit südlichem Anbau und Turnhalle (1911). Die Turnhalle wurde 1966 abgerissen, das frühere Schulgebäude ist heute der Altbau des Rathauses

Der nächste Wachtumsschub kam erst 20 Jahre später mit den Flüchtlingen und Vertriebenen aus den durch die Siegermächte des 2. Weltkrieges abgetrennten Ostgebieten. Was 1945/46 als große Not, nicht zuletzt Wohnraumnot, begann, mündete nach einigen Jahren in einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine rege Bautätigkeit. Seine heutige Ausdehnung und bauliche Struktur erhielt Seelze im wesentlichen bis ca. Mitte der 1970er Jahre. Die Einwohnerzahl war von 5.500 im Herbst 1946 auf über 10.000 angewachsen. Wie überall im unmittelbaren Einzugsbereich der Großstadt Hannover vollzog sich in Seelze vor allem in dieser Zeit wachsender individueller Mobilität der unaufhaltsame Strukturwandel hin zum Wohn- und Schlafort für Menschen, die außerhalb, vor allem in Hannover arbeiten.

Die Schaffung von genügend Wohnraum für eine wachsende Bevölkerung war auch 20 Jahre nach Kriegsende noch eine wichtige Aufgabe. Moderne Wohnblocks entstanden Ende der 1960er Jahre an der Beethovenstraße.
Die Schaffung von genügend Wohnraum für eine wachsende Bevölkerung war auch 20 Jahre nach Kriegsende noch eine wichtige Aufgabe. Moderne Wohnblocks entstanden Ende der 1960er Jahre an der Beethovenstraße.

1974: Großgemeinde Seelze

Die niedersächsische Verwaltungs- und Gebietsreform brachte 1974 den Zusammenschluß von elf bis dahin selbständigen Gemeinden zur Großgemeinde Seelze (die sich seit 1977 Stadt nennen darf). In der Namensgebung kam die in manchen Bereichen seit dem Mittelalter nachweisbare Zentralfunktion Seelzes für eine Reihe umliegender Dörfer zum Ausdruck. Doch erst in den 1990er Jahren sollte mit dem Bau eines zentralen Rathauses (ehemaliges Schulhaus von 1903 mit Erweiterungsbau) und der "Innenstadtsanierung" die Zentralfunktion Seelzes deutlich gestärkt werden.

Auf dem Weg ins 3. Jahrtausend

Die Faktoren, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts Seelzes Wachstum begünstigt hatten (die Eisenbahn mit dem Rangierbahnhof, der Mittellandkanal mit Abzweig zum Lindener Hafen, die chemische Fabrik im Westen des Ortes) waren zugleich enorme „Flächenfresser“ gewesen. Die Begrenzung durch die Leine im Norden und Osten bildete zusammen mit dem Band von Bahn, Kanal und heutiger Bundesstraße im Süden ein im Laufe der Zeit immer enger gewordenes „Korsett“, welches den städtebaulichen Entwicklungsmöglichkeiten gegen Ende des 20. Jahrhunderts deutliche Grenzen setzte. Flächen für Wohnungsbau und Gewerbe wurden immer knapper. Im Rahmen einer gesamtstädtischen Entwicklungsstrategie reiften daher in den 1990er Jahren die Pläne für ein südlich von Eisenbahn, Kanal und Bundesstraße sich an Seelze anschließendes Neubaugebiet: Seelze-Süd. Den rund 9.000 Seelzerinnen und Seelzern haben sich bis heute (2016) rund 2.000 Neubürger/innen hinzugesellt. Ein dritter Bauabschnitt ist erschlossen und wird aktuell bebaut.


Norbert Saul, Stadtarchiv

Haben Sie noch Fragen? Möchten Sie noch weitere Informationen? Dann schauen Sie doch mal bei der Liste Veröffentlichungen zur Ortsgeschichte vorbei oder im Heimatmuseum Seelze.

Oder wenden Sie sich an das
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30926 Seelze
archiv@stadt-seelze.de
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