"Trotzdem bin ich vom Schreiben nicht abgekommen"

Zum 100. Geburtstag des Arbeiterschriftstellers und Autodidakten Heini Ludewig am 7. Mai 2006

Heini Ludewig aus Seelze, geboren 1906, hat sein Leben lang geschrieben. Wenn wir einer augenzwinkernd erzählten Geschichte glauben dürfen, begann für ihn die Schriftstellerei (oder doch etwas Ähnliches) schon in der Seelzer Volksschule. In dem Text ,Warum schreibe ich eigentlich?' erinnert er sich einer Hausaufgabe, die er so gut erledigte, daß sie ihm eine Tracht Prügel einbrachte.

So sah die Seelzer Schule zur Zeit Heini Ludewigs aus. (Heute ist das Gebäude ein Teil des Seelzer Rathauses.)
So sah die Seelzer Schule zur Zeit Heini Ludewigs aus. (Heute ist das Gebäude ein Teil des Seelzer Rathauses.)

Er sollte einen Kurzaufsatz schreiben, und zwar in Form eines Briefes an das Kirchwehrener Forstamt mit der Bitte um Brennholzzuteilung für die Schule. (Es waren die Notzeiten des Ersten Weltkrieges.) Heini schrieb nach der Schule seinen Brief, ließ ihn auf dem Küchentisch liegen, und dort fand ihn sein Vater. Der hielt das in dem Brief formulierte Anliegen für unterstützenswert, steckte den Aufsatz in einen adressierten Briefumschlag und brachte ihn auf die Post. Heini erfuhr davon erst am nächsten Morgen, und prompt sollte er in der Schule seine Hausarbeit vorlesen. Vom Vater abgeschickt: diese Erklärung erschien dem Lehrer zwar originell, doch zugleich so dreist, daß er dem Schüler Ludewig mit dem Rohrstock einen "körperlichen Verweis" erteilte.

Kurze Zeit danach erwies sich Heinis Unschuld; denn vom Kirchwehrener Forstamt kam ein Antwortbrief, für die Seelzer Schule lägen zwei Festmeter Klafterholz zur Abholung bereit. Heini Ludewig: "Da wußte ich zum erstenmal, das Schreiben hat zwei Seiten. Auf der einen Seite winken zwei Festmeter Klafterholz, auf der anderen Seite droht ein körperlicher Verweis. Trotzdem bin ich vom Schreiben nicht abgekommen."

Heini Ludewig mit Schülermütze um 1920.
Heini Ludewig mit Schülermütze um 1920.

Später erlernte Heini Ludewig das Schriftsetzerhandwerk, ging als Geselle auf Wanderschaft durch ganz Deutschland ("von St. Pauli bis zur Zugspitze") und besuchte anschließend die Kunstgewerbeschule in Hannover: vier Semester Graphik und Werbepsychologie. 1928 ging er nochmals auf Wanderschaft und begann unterwegs, sich als "Italien-Korrespondent" für eine heimatliche Arbeiterzeitung mit dem Journalismus anzufreunden. Seine damaligen Erlebnisse hat er in vielen Texten immer wieder zum Thema gemacht, zuletzt ließ er sie in den 1984 im Fischer Taschenbuchverlag erschienenen Roman ,Der Mann, der von unten kam' einfließen.

In fast allen seinen Texten nahm Heini Ludewig die Freiheit des Schriftstellers für sich in Anspruch, die erfahrene Wirklichkeit als Rohmaterial zu benutzen, das im Prozeß des Schreibens gestaltet und bearbeitet wird. Es kam ihm weniger auf nachprüfbare, detailgetreue Genauigkeit an als auf Erkenntnisse und Einsichten, die er mit bestimmten Erlebnissen verband. Seine schriftstellerische Phantasie entzündete sich an alltäglichen Begegnungen und Gegenständen, sei es das Gespräch mit dem Gartennachbarn, sei es ein Foto, welches ihm zufällig zwischen die Finger kam, oder eine Zeitungsnotiz. Wenn dann aus solchen Anlässen Geschichten entstanden, konnten hinterher Namen, Umstände und Örtlichkeiten gänzlich verwandelt sein, sie konnten aber ebensogut stimmen. Es wäre also müßig zu fragen, ob die Geschichte mit dem Brief an das Kirchwehrener Forstamt sich genau so zugetragen hat; wichtig ist vielmehr: Es ist darin Typisches und selbst Erlebtes verarbeitet, und sie könnte sich genau so zugetragen haben.

1938 zog Heini Ludewig aus beruflichen Gründen mit seiner Familie nach Dresden, wo er auch die Meisterprüfung ablegte. Vom 1939 mit dem Überfall auf Polen beginnenden Krieg blieb er weitgehend verschont, und 1942 fand er wieder einen Arbeitsplatz in Hannover. Er zog wieder nach Lohnde, in die Krumme Masch, wo er 1934 gebaut hatte, arbeitete fortan in verschiedenen hannoverschen Druckereien als Entwerfer, Meister und Korrektor und schrieb nebenher für Tageszeitungen und Zeitschriften, u.a. auch Beiträge für Fachzeitschriften seines Handwerks. Seine Hauptschaffensperiode, von der u.a. eine Reihe von Romanmanuskripten zeugt, begann aber erst Anfang der 1970er Jahre, als er als Rentner endlich genügend Zeit hatte, um seinen literarischen Ambitionen zu frönen.

Heini Ludewig  in seinen letzten Lebensjahren.
Heini Ludewig in seinen letzten Lebensjahren.

Das Schreiben gehörte für Heini Ludewig zum Alltag wie das Frühstück und die Zeitungslektüre, er verband damit wohl ein Stück persönlicher Welterkenntnis. Am meisten interessierte ihn, wie Menschen sich alltäglichen kleinen oder größeren Herausforderungen gegenüber verhalten, in Situationen, wo wir uns durch unser Verhalten zu erkennen geben, wo Charakterzüge zum Tragen kommen, die uns wesentlich sind, wo es zumeist auch um Fragen von Moral und Ethik - Heini Ludewig hätte wohl gesagt: um Anstand - geht.

Die Menschen, über die Heini Ludewig immer wieder schrieb, lebten in jener dörflichen Welt, die er kannte, in der er aufgewachsen war und die es heute - jedenfalls in Seelze - so kaum noch gibt. Seine Hauptfiguren sind Bauern oder Arbeiter, Landfrauen oder verarmte Witwen, die er in seinen Romanen und Geschichten aus ihrer Sprachlosigkeit befreit und zum Reden bringt.
Vor diesem Hintergrund erscheint es konsequent, daß er dem in den 1970er Jahren recht renommier-ten ,Werkkreis Literatur der Arbeitswelt' beitrat, der insbesondere Texte von nichtprofessionellen Schriftstellern, wie er einer war, im Fischer Taschenbuchverlag veröffentlichte. In der Werkkreis-Reihe erschien 1984 der bereits erwähnte, stellenweise autobiographisch gefärbte Roman ,Der Mann, der von unten kam'.


Der Mann, der von unten kam

"... Ein Roman, der eng verbunden ist mit der Biographie des Autors. Er beherzigte die Worte eines Redakteurs einer Arbeiterzeitung »Schluck nicht runter, was du siehst, sondern schreib es auf«.
... Dann sah er etwas Ungeheuerliches. Der Freund wird in ein KZ eingeliefert, kommt wieder frei, erhält Arbeit und die schützende Hand des Direktors, der ihn als ,Rückversicherung' betrachtet, da niemand mehr so recht an den Sieg des Tausendjährigen Reiches glauben wollte. Der Direktor gibt ihm Tips, wo billig Land zu kaufen ist, das man später mit hohem Gewinn abstoßen kann ...
Das Dritte Reich, der Krieg ist zu Ende, er hilft beim Trümmerräumen, hilft und organisiert, wo es notwendig ist. Er wird Bürgermeister, später Senator. Aus dem Landarbeitersohn, »der von unten kam«, wird ein Mann, der sich rücksichtlos, aber auch mit List und Tücke durchsetzt.
(Aus dem Verlagstext "Zu diesem Buch")


Neben diesem Buch und ungezählten Beiträgen für Zeitungen und Zeitschriften stehen zwei im Gerd J. Holtzmeyer Verlag veröffentlichte Sammelbände: ,Calenberger Dönekens' (1983) und ,Lachendes Calenberg' (1987).

Heini Ludewig ist 1987 im Alter von 80 Jahren gestorben. Sein journalistischer und schriftstellerischer Nachlaß wird im Stadtarchiv Seelze aufbewahrt. Einige ausgewählte Texte wurden 1995 in Heft 10 der ,Seelzer Geschichtsblätter' vorgestellt. Am 7. Mai 2006 wäre Heini Ludewig 100 Jahre alt geworden.

Norbert Saul, Stadtarchiv

Texte von Heini Ludewig:

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