Im Sommer 1755 vernichtete ein Großbrand das halbe Dorf Seelze

Seelzes "schwarzer Tag"

Am 30. Juli 1755 brach in einem Haus nahe der Seelzer Kirche ein Feuer aus, das bei großer Hitze und Trockenheit mit einem stürmischen Wind schnell um sich griff. Zweieinhalb Stunden später lag das halbe Dorf in Schutt und Asche: 21 Hofstellen und die mittelalterliche Kirche waren vernichtet. Nur 23 Höfe blieben von der Katastrophe verschont.

Das Dorf Seelze im Sommer 1755; schraffiert die vom Feuer am 30. Juli vernichtete Fläche
Das Dorf Seelze im Sommer 1755; schraffiert die vom Feuer am 30. Juli vernichtete Fläche

Elfriede Hengstmann-Deppe (1928-1999) hat in einem Beitrag für die Seelzer Geschichtsblätter (Heft 2, 1989) alle verfügbaren Quellen zu diesem Ereignis sorgfältig ausgewertet. Hier folgen kurze Auszüge aus ihrer ausführlichen Darstellung.

Der große Brand vom 30. Juli 1755

In Hannover war am letzten Wochenende im Juli großer Markt, der bis Mittwoch dauerte und viele Leute aus der Umgebung anlockte. Diesesmal um so mehr, da er die seltene Gelegenheit bot, in Herrenhausen den Kurfürsten von Hannover zu sehen, der als englischer König Georg II. sein Kurfürstentum von England aus regierte und nur gelegentlich seine hannoversche Heimat besuchte. Am Mittwoch, dem 30. Juli 1755, waren aus diesem Grunde auch viele junge Leute aus Seelze nach Hannover gegangen, um sich noch einmal am bunten Markttrubel zu erfreuen und vielleicht - mit etwas Glück - ihren Herrscher und den Hofstaat zu erblicken. Es war Hochsommer, heiß und trocken und stürmisch.

Um die Seelzer Kirche herum standen dicht gedrängt die kleinen Kirchhöfnerhäuschen, die Schule, das Küsterhaus und das Pfarrwitwenhaus (vgl. Abbildung; zu den Kirchhöfnern s. Heft 1 der Seelzer Geschichtsblätter). Südlich der Kirche, in geringem Abstand, der Vollmeierhof Nr. 3 und die Kötnerstelle Nr. 23 des Schäfers Flebbe. Südlich der Schmiedestraße (heute Kolbestraße) vier Höfe, ganz dicht nebeneinander. Alle Häuser in Fachwerk gebaut und mit Stroh gedeckt.
Der damalige Seelzer Pastor Ludwig Christian Mensching schrieb in einem Bericht einige Wochen später, nachmittags halb 3 Uhr sei "in H.H.H. Hause" ein Feuer ausgebrochen. Diese Anfangsbuchstaben treffen nur auf Hans Hinrich Hengstmann, Kleinkötner Nr. 17, an der Schmiedestraße zu. Aber ganz gleich, ob das Feuer dort oder auf dem Kirchhof ausbrach, wie an anderem Orte geschrieben wurde, der "erschreckliche Sturmwind" trieb das brennende Dachstroh so schnell von Haus zu Haus, daß an eine Bekämpfung des Feuers gar nicht zu denken war, auch wenn alle jungen Leute zur Stelle gewesen wären: "Um 5 Uhr war nichts mehr übrig als der Anblick des Feuers und was es verzehret und ferner fraß."

Das trockene Dachstroh, die auf den Böden liegenden Erntevorräte, das Eichenfachwerk, die Holzfußböden, Möbel und dergleichen, alles muß so schnell vom Feuer erfaßt worden sein, daß die Bewohner froh waren, mit dem Leben davongekommen zu sein und nur wenig mehr retten konnten, als was sie am Leibe trugen. Pastor Menschings Beschreibung nach kann man sich vorstellen, wie alles umher voll Flammen und Glut und Hitze und Rauch war.

Bis die Leute aus den umliegenden Dörfern das Feuer gewahr wurden und zu der Brandstelle liefen, war etwa eine Dreiviertelstunde vergangen, "niemand aber wagte ins Dorf zu kommen, denn allenthalben war Feuer".

Bei einem einzelnen brennenden Hof hätte das Feuer vielleicht unter Kontrolle gebracht werden können, in diesem Inferno aber war jeglicher Löschversuch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Einen Löschteich gab es in Seelze nicht, fast jedes Haus hatte seinen eigenen Ziehbrunnen (.), auch waren lederne Löscheimer sowie Holzeimer vorhanden, doch bis das Wasser aus dem Brunnen heraufgeholt war und in den Eimern von Hand zu Hand weitergereicht werden konnte, wäre es viel zu spät gewesen, das Feuer wirksam zu bekämpfen. Alle Hände waren nötig, um das mindeste zum Leben Erforderliche aus den brennenden Häusern zu retten. Gottlob waren alle mit dem Leben davongekommen, nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte das Feuer die Menschen im Schlaf überrascht.
Wie viele waren nun an diesem Tag obdachlos geworden, und wo sollten sie untergebracht werden? Pastor Mensching: "... ich blieb bei C. Di [Christian Dierking Nr. 8] und die übrigen Mitverunglückten ein jeder wo er konnte."

23 Häuser blieben vom Brand verschont, in denen die Bewohner der 21 abgebrannten Häuser Zuflucht suchen mußten. Anhaltspunkte für Familiengrößen liefern die Höfechroniken im Stadtarchiv Seelze, so daß die Anzahl der beim Brand obdachlos gewordenen Personen mit etwa 39 Erwachsenen und 36 Kindern beziffert werden kann, dazu kamen sicher noch einige Knechte und Mägde.

Zerstört waren auch zwei Tischlerwerkstätten und eine Schmiede, mehrere Leineweber hatten ihre Webstühle verloren. Was mögen die Menschen empfunden haben, als sie am anderen Morgen vor den noch glimmenden und qualmenden Resten ihrer Häuser standen? Konnte in den Aschenhaufen überhaupt noch etwas Brauchbares sein? Waren vielleicht noch einige Balken zum Bau einer notdürftigen Unterkunft verwendbar?
Die Häuser konnten nicht vor dem Frühjahr 1756 aufgebaut werden, monatelang mußten die Abgebrannten in ihren Notquartieren ausharren. Pastor Mensching war darum bemüht, so schnell wie möglich einen passenden Ort zu finden, wo er Gottesdienste halten konnte. Der Seelzer Gutsherr, Oberamtmann von Hugo, der in Stolzenau lebte, bot dem Pastor Wohnung auf dem Gutshof und stellte einen Teil der Scheune zum Ausbau zu einer Notkirche zur Verfügung. Pastor Mensching: "Am 13 p Tr [13. Sonntag nach Trinitatis] predigte ich in dieser gewiß kläglichen interim Kirche."

Die Pfarrscheune wurde 1759 fertig und diente dann als Notkirche. (Sie wurde später zum ersten Gemeindehaus umgebaut.) Anfangs hatte der Vorsteher den Beginn des Gottesdienstes in der Notkirche durch Hornblasen angekündigt; die Gemeinde fand aber, das höre sich gar traurig an, und so wurde die Schulglocke aus Lohnde ausgeliehen.
Mehr als 45 Zentner Metall der fünf geschmolzenen Glocken konnten aus der Asche der ausgebrannten Kirche gesammelt werden und zur Anfertigung zweier neuer Glocken Verwendung finden. In einem schlichten überdachten Glockenstuhl wurden die beiden neuen Glocken vorläufig aufgehängt. Der Bau der Kirche verzögerte sich wegen der Unruhen des Siebenjährigen Krieges (1756-1763). Erst 1769 konnte sie fertiggestellt werden.

Von den 1756/57 gebauten Häusern stehen 250 Jahre später noch das Pfarrhaus Martinskirchstraße 10, das Haus Martinskirchstraße 16 (früher Hof Nr. 23), das frühere Küsterhaus Martinskirchstraße 11 (Abriß im Frühjahr 2006), und die ehemalige Schmiede und Kleinkötnerstelle Nr. 14 (2006 einsturz- und abrißgefährdet), an der Kolbestraße gegenüber dem evangelischen Gemeindehaus. Die Balkeninschrift dort lautet: "Erbaue was zerstört und was die Glut verheerd / Ersticke diesen Brand / so wollen wir vom neuen uns deiner Güte freuen / so freud sich das gantze Land".

Zu ergänzen ist: Nach dem Abriß des 1756 erbauten Küsterhauses trat bei den anschließenden Bodenarbeiten im Juni 2006 an der westlichen Kirchhofmauer ein Stück einer dicken Brand-schicht zutage, die offenbar von dem Großbrand vor 250 Jahren herrührt.

Den vollständigen Text von Elfriede Hengstmann-Deppe schicken wir Ihnen gern zu:
archiv@stadt-seelze.de

Beitrag über das nach 250 Jahren abgerissene Küsterhaus Martinskirchstraße 11.

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