Der Weg an der Eisenbahn von Letter nach Leinhausen

Ein Zeitungsbericht aus den 1920er Jahren

Einige Jahre nach Gründung des Ausbesserungswerks in Leinhausen legte die Königlich Preußische Eisenbahnverwaltung einen Fußweg an der Eisenbahnstrecke zwischen Letter und Leinhausen an. Seit die Eisenbahngleise vor hundert Jahren in und um Hannover (zugleich mit dem Bau des Seelzer Rangierbahnhofs) auf Dämme verlegt wurden, verläuft dieser Weg an der Südseite der Bahnstrecke. Noch heute wird er vor allem von Fahrradfahrern gern genutzt.

Der Weg an der Südseite der Bahnlinie von Letter nach Leinhausen 2006. Blick nach Westen, im Hintergrund Wohnhäuser im Lakefeld.
Der Weg an der Südseite der Bahnlinie von Letter nach Leinhausen 2006. Blick nach Westen, im Hintergrund Wohnhäuser im Lakefeld.
Anfang des Weges von Letter an der Bahn nach Leinhausen 2006. Blick von der Flutbrücke nach Westen, rechts jenseits der Bahn die Bebauung der Uferstraße.
Anfang des Weges von Letter an der Bahn nach Leinhausen 2006. Blick von der Flutbrücke nach Westen, rechts jenseits der Bahn die Bebauung der Uferstraße.
Hier am alten Bahnhof Leinhausen an der Herrenhäuser Straße endet 2006 der Fußweg von Letter.
Hier am alten Bahnhof Leinhausen an der Herrenhäuser Straße endet 2006 der Fußweg von Letter.

Ein Zeitungsartikel, der sich in den späten 1920er Jahren mit diesem Weg beschäftigt, beleuchtet interessante Aspekte der letterschen Ortsgeschichte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, als aus einem kleinen Bauerndorf ein stetig wachsender Wohnort von Arbeiter- und Handwerkerfamilien wurde.

Norbert Saul
Stadtarchiv Seelze




Der Zeitungsbericht:

[Zeitung nicht bekannt; evtl. "Volksfreund" Hannover]
Letter, 15. Mai [vermutlich 1928]
Als im Jahre 1878 die Hauptwerkstatt Leinhausen erbaut war, suchten und fanden in ihr - weil sie in der Nähe lag - die in Letter wohnenden Arbeiter und Handwerker Beschäftigung. (1) Am Eisenbahndamm entlang war in 25 Minuten die Arbeitsstelle erreicht.

Das Betreten des Bahngeländes war auch damals schon verboten, und die Eisenbahnverwaltung machte von diesem Verbot auch ihren Arbeitern gegenüber Gebrauch. Die in Leinhausen Beschäftigten mußten sich von der Stöckener Fähre über die Leine (2) setzen lassen, das war ein halbstündiger Umweg und bei schlechtem Wetter oder gar bei Hochwasser nicht möglich.

Mit den Jahren wurde die Arbeiterzahl größer, und nach langem Hin und Her legte die Eisenbahnverwaltung für ihre Arbeiter einen Fußweg am Bahndamm an. Während des Umbaues (1906-09) wurde er an die Nordseite und nach dem Umbau an die jetzige Stelle gebracht.

Inzwischen ist die Zahl der in Letter wohnenden Bediensteten von Leinhausen auf etwa 200 angewachsen. Den Weg geht die gesamte Einwohnerschaft von Letter, die zu 85 Proz. aus Eisenbahnern besteht. Auch von Einwohnern aus Stöcken, Leinhausen, Herrenhausen wird dieser Weg viel genutzt, weil er der einzige Verbindungsweg zwischen Leinhausen und Letter ist.

In einer noch schlechteren Lage als die Arbeiter Letters befinden sich die in Ahlem wohnenden und in Leinhausen beschäftigten Arbeiter. Weil keine direkte Zuwegung von den Ahlemer Wegen an den Bahndamm heranführt, müssen die Ahlemer Arbeiter den Weg über Letter machen. Um das zu vermeiden pachteten sie von den Grundeigentümern das Übergangsrecht über die zwischen Ahlemer Weg und Bahndamm gelegenen Wiesen. Die neuen Besitzer jedoch setzten das Verbot der Zuwegung durch und erreichten außerdem bei der Eisenbahnverwaltung die Hergabe von 1000 alten Schwellen, die in Verlängerung des Leinebrückengeländers als Palisadenwand aufgerichtet wurden, und verschoben so den Übergang von ihren Wiesen auf die des Nachbars.

Doch die Palisadenherrlichkeit war nicht von langer Dauer. Weil die Reichsbahnverwaltung für das im vorigen nassen Sommer an den Böschungen sehr üppig gewachsene Gras und Unkraut wohl keinen annehmbaren Verkaufspreis erzielen konnte, blieb es einfach stehen. (3) So wurde der Bewuchs zu einem trockenen Wust. Der Funkenflug der Lokomotiven setzte diesen eines Tages in Brand, und die Palisadenwand ging mit darin auf. Sie bietet jetzt ein entsetzliches Bild. Auch die Pfähle der Einfriedigung [= Einfriedung; regional üblicher Ausdruck] an der Bahnseite brannten ab, der Einfriedigungsdraht und das Drahtgeflecht sind verrostet, der Weg selbst ist mit Steinen besät und mit Löchern durchsetzt, der Bewuchs der Böschungen ist verkohlt. Das Ganze ist verlottert.

Statt den gänzlich verwahrlosten Weg in Ordnung zu bringen, stellt die Reichsbahn ihre bewaffneten Überwachungsmannschaften dorthin, damit die Eisenbahnarbeiter auch pünktlich ihr Strafmandat erhalten.

Bei dem Umbau der Eisenbahn [bis 1909] wurde in Letter die Straße nach Ahlem etwa 200 Meter vor dem alten Übergang unter der Bahn hindurchgeführt, (4) und so wurde durch den Wegfall des Übergangs eine Sackstraße geschaffen. Um den in dieser Straße (5) Wohnenden, und vor allem der an der Eisenbahn gelegenen Gastwirtschaft (6) den Wegfall der Straße und damit des Verkehrs nicht so fühlbar zu machen, legte die Eisenbahnverwaltung auch nördlich der Bahn einen Fußweg an, der unter der Flutbrücke hindurchführt und den Weg an der Südseite erreicht.

Heute noch führt neben dem Lakebach ein Fuß- und Radweg unter
der Flutbrücke hindurch. Ansicht Südseite; links Wohnhäuser im Lakefeld.

Da aber auch die Instandhaltung dieses Weges Kosten verursacht, versucht die Reichsbahnverwaltung, diesen Weg gegen eine jährliche Pacht von 5 Mk. an die Gemeinde Letter abzuschieben. Die Reichsbahn hat an diesem Wege zwei Häuser, welche als Dienstwohnungen auch bewohnt sind [beide um 1850 errichtet und nach der Elektrifizierung der Bahn um 1970 abgerissen], und ein Stellwerksgebäude. Alle diese Häuser sind nur auf diesem Wege zu erreichen. Ein merkwürdiger Geschäftssinn der Reichsbahn, der sich nur zum Schaden ihrer Bediensteten auswirkt!
Von allen in Frage kommenden Behörden ist einmal zu prüfen, ob es nicht möglich ist, diese Mißstände so schnell wie möglich zu beseitigen; denn der Sommer steht vor der Tür, viele Hunderte von Menschen kommen täglich auf diesem Wege nach Letter zur Badeanstalt. (7) Hunderte benutzen diesen Weg, um zur Arbeitsstelle zu gelangen.


Anmerkungen und Erläuterungen:

(1) 1878 hatte Letter knapp 400 Einwohner und etwa 40 Hausnummern (davon mehr als die Hälfte alte Hofstellen). Das Eisenbahnausbesserungswerk Leinhausen stellte für die nächsten Jahrzehnte einen nicht zu unterschätzenden "Wachstumsmotor" für das kleine Dorf dar. Letters Einwohnerzahl stieg bis 1890 auf 620, bis 1900 auf 755.
Es mag 1878 schon "freie" bzw. geeignete Arbeitskräfte in Letter gegeben haben, die dann in Leinhausen Arbeit fanden, gewichtiger aber dürfte der Zuzug von Handwerkern und Arbeitern nach Letter gewesen sein - eben weil es im nahen Leinhausen Arbeit gab und in Letter günstiges Bauland. Denn hier war schon 1855 ein großer Vollmeierhof aufgegeben worden. Ehemaliges Weideland wurde teilweise zu Bauland, auf dem in Letter z.B. die heutige Tiergartenstraße entstand. Auch andere lettersche Bauern verkauften hier und da Land, denn der Sandboden in Letter warf keine großen landwirtschaftlichen Erträge ab.
Rund 20 Jahre nach dem Ausbesserungswerk Leinhausen konsolidierten weitere Firmen in der Nähe Letters die Entwicklung zum Arbeiter- und Handwerkerwohnort. Vor allem waren dies ab 1899 die Excelsior Gummiwerke in Limmer, ab 1902/03 die chemische Fabrik De Haën und die Continental Gummiwerke in Seelze, ab 1909 der Rangierbahnhof Seelze.
(Nach: Heinrich Tiefuhr, Letter - Geschichte und Geschichten, 1989, und Ernst Bock, Dorfchronik der Gemeinde Letter, 1953, unveröffentlicht)

(2) Dort, wo heute die "Klappenburgbrücke" an der B 6 die Leine zwischen Letter und Hannover-Stöcken quert, gab es bis 1936 nur einen kleinen Fährkahn. (Weitere Infos hierzu

(3) Die Arbeiter und kleinen Handwerker hielten sich Ziegen und anderes Kleinvieh, fütterten ein Schwein - und hatten doch zumeist nicht genügend Garten oder Wiesenland, um die Tiere davon zu ernähren. So war es bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts üblich, Abschnitte von Wegrändern oder Bahndämmen zu pachten, um den dortigen Bewuchs zu nutzen.

(4) Die neue Wegführung unter der Bahnlinie hindurch ist die heutige Klöcknerstraße. Siehe auch Kartenbilder unten.

 
Die Klöcknerstraße 2006.
Blick von der Einmündung Lakefeld (,In der Masch') Richtung Kanalbrücke / Ahlem.
 
Die Klöcknerstraße 2006.
Blick Richtung Letter Ortskern.

(5) Diese Sackgasse, die heute auf eine Lärmschutzwand trifft, heißt jetzt Leineblick; vor besagtem Umbau (nämlich der Beseitigung von ebenerdigen Bahnübergängen) führte der Weg über die Bahngleise und den Lakefeldplatz (genossenschaftlicher Wohnungsbau, nach H. Tiefuhr zwischen 1892 und 1900) Richtung Ahlem. (Heute ist die alte Wegführung vor Ort nur noch schwer vorstellbar, weil der Bau des Zweigkanals zum Lindener Hafen ab 1912 zusätzlich zur Verlegung der Eisenbahn auf Dämme für beträchtliche Niveauveränderungen im Gelände gesorgt hat.)

Kartenausschnitte 1898 (1. Preußische Landesaufnahme) und 1961 (Meßtischblatt): Die alte und die neue Wegführung Letter-Ahlem sind gut zu erkennen. Die Bebauung am Lakefeldplatz fehlt in der 1896 aufgenommenen Preußischen Landesaufnahme leider noch.
Kartenausschnitte 1898 (1. Preußische Landesaufnahme) und 1961 (Meßtischblatt): Die alte und die neue Wegführung Letter-Ahlem sind gut zu erkennen. Die Bebauung am Lakefeldplatz fehlt in der 1896 aufgenommenen Preußischen Landesaufnahme leider noch.
Kartenausschnitte 1898 (1. Preußische Landesaufnahme) und 1961 (Meßtischblatt): Die alte und die neue Wegführung Letter-Ahlem sind gut zu erkennen. Die Bebauung am Lakefeldplatz fehlt in der 1896 aufgenommenen Preußischen Landesaufnahme leider noch.
Hier ging es vor 1909 nach Ahlem: Die Straße Leineblick endet heute an einer Lärmschutzwand. Dahinter ist der Giebel des ersten Hauses am Lakefeldplatz zu erkennen.
Hier ging es vor 1909 nach Ahlem: Die Straße Leineblick endet heute an einer Lärmschutzwand. Dahinter ist der Giebel des ersten Hauses am Lakefeldplatz zu erkennen.
Hier ging es vor 1909 nach Ahlem: Die Straße Leineblick endet heute an einer Lärmschutzwand. Dahinter ist der Giebel des ersten Hauses am Lakefeldplatz zu erkennen.
Blick vom Lakefeldplatz zum letzten Haus am Leineblick.
Blick vom Lakefeldplatz zum letzten Haus am Leineblick.

(6) Der Maurer und Bauunternehmer Zwingmann hatte sein Gasthaus ca. 1873 an dem Weg gebaut, den damals die Arbeiter zur Ziegelei nach Ahlem oder weiter nach Linden zur Arbeit gingen bzw. nach Feierabend durstig zurück kamen. Ab 1878 kamen zu seiner Stammkundschaft die Arbeiter und Handwerker hinzu, die den Weg an der Bahn nach Leinhausen gingen, ab 1899 auch die Letteraner, die Arbeit bei der "Ex" in Limmer (Excelsior Gummiwerke) fanden. Einen Bahnhaltepunkt erhielt Letter erst 1915. (Nach: Heinrich Tiefuhr, Letter - Geschichte und Geschichten, 1989)

Zwingmanns Gasthaus nach einer Ansichtskarte ca. 1910
Zwingmanns Gasthaus nach einer Ansichtskarte ca. 1910
Auf dem heutigen Kinderspielplatz standen Zwingmanns Gasthaus und das Haus Nr. 36 (Gärtner), beide nach Bombentreffern 1944 nicht wieder aufgebaut.
Auf dem heutigen Kinderspielplatz standen Zwingmanns Gasthaus und das Haus Nr. 36 (Gärtner), beide nach Bombentreffern 1944 nicht wieder aufgebaut.

(7) Die Kanalbadeanstalt Letter entstand Anfang der 1920er Jahre am Zweigkanal des Mittellandkanals zum Lindener Hafen. Ursprünglich war dies eine Ausweichbucht für die Binnenschiffe (siehe Kartenausschnitt 1961 unterhalb des Schriftzuges ,Sportpl.'). Das Kanalbad hatte bis in die 1960er Jahre regen Zulauf aus den Nachbardörfern am Stadtrand und auch aus Hannover. Es bestand bis 1971; heute sind auf dem Gelände ein Jugendzentrum und ein Grillplatz.

Die Kanalbadeanstalt Letter ca. 1939. Blick Richtung Ahlem, im Hintergrund die Brücke der Güterumgehungsbahn über den Kanal.
Die Kanalbadeanstalt Letter ca. 1939. Blick Richtung Ahlem, im Hintergrund die Brücke der Güterumgehungsbahn über den Kanal.
Die Kanalbadeanstalt in den 1920er oder 1930er Jahren, Blick nach Westen zur heutigen Klöcknerstraße.
Die Kanalbadeanstalt in den 1920er oder 1930er Jahren, Blick nach Westen zur heutigen Klöcknerstraße.

Weitere Informationen zum Eisenbahnausbesserungswerk Leinhausen finden Sie unter industriewege-hannover.de (Routen und Orte / (14) AW Leinhausen)

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